Die Frau der wilden 20iger Jahre
Die gesellschaftlichen Veränderungen, die der Erste Weltkrieg für die Frauen brachte, waren enorm. Sie fanden sich plötzlich an Stellen wieder, die vorher nur den Männern vorbehalten waren und traten mit einem bisher nicht gekannten Selbstbewusstsein in der Öffentlichkeit auf. Ein Zeitgemälde aus reichhaltigem Archivbildmaterial. Eindrucksvolle Archivbilder der 20er Jahre schaffen ein bestechendes und amüsantes Zeitgemälde. Die Bilder geben Aufschluss über das sich damals herausbildende Selbstbewusstsein der Frauen im öffentlichen Leben, in Wirtschaft und Gesellschaft. Im Ersten Weltkrieg nahmen Frauen aus allen sozialen Schichten den Platz der Männer ein, von denen viele nicht mehr nach Hause zurückkehrten. Zahlreiche Frauen mussten auch nach dem Krieg weiter für sich sorgen. Dadurch wurde eine unumkehrbare Bewegung in Gang gebracht, die auch an äußerlichen Anzeichen sehr deutlich wurde: Die Frauen schnitten sich die Haare, rauchten, fuhren Auto, verdienten ihr eigenes Geld, lebten unabhängig und vollbrachten Höchstleistungen. Bilder von bezaubernden Charleston-Tänzerinnen und Jazz-Partys geben die Stimmung dieser Zeit wieder, die ganz im Zeichen der Emanzipation der Frau stand.


Es heißt oft, dass sie eine neue Freiheit genießt. Dies ist jedoch nur scheinbar der Fall. Zwar verschwindet die Untertaille, sie trägt jedoch weiterhin ein kurzes, taillenbetontes Korsett, das bis unter die Hüften reicht und den Ansatz der Oberschenkel umschließt. Manche Frauen legen diesen "Strumpfhaltergürtel" direkt auf der Haut an. Die Brust wird unter den größtenteils aus Amerika eingeführten Korrektoren oder Plattmachern versteckt. Unter den schlauchförmigen, auf Hüfthöhe breiter werdenden Kleidern trägt man kreisförmige Stiützen, die an das Panier aus dem 18. Jahrhundert erinnern. Unter dem Korsett wird ein neuartiges, kombiniertes Wäschestück getragen, ein Hemdchen in Verbindung mit einem schmalen Unterrock oder einem Höschen mit offenem oder geschlossenem Schritt: das Hemdröckchen und die Hemdhose. Da die Kleider kürzer werden, setzen sich schwarze, weiße oder hautfarbene Seidenstrümpfe durch, die teilweise mit bunten Mustern bestickt sind. Für Kälteempfindliche werden fleischfarbene Wollstrümpfe angeboten. Sie werden unter den Seidenstrümpfen getragen, aber da sie das Bein dicker wirken lassen, verzichtet man schnell wieder darauf. Nachdem die Garçonne sämtliche Dessous abgelegt hat, zieht sie sich für die Nacht an. Nach dem Ersten Weitkrieg setzt sich auch für Frauen der ursprünglich für Männer bestimmte Schlafanzug durch. Manchmal dient der Schlafanzug auch als Hauskleidung. Vogue schreibt 1924: "Pyjamas are now by far the smartest form of negligé." Diese Neuheit ist auf die ailgemeine Begeisterung für den Orient zurückzuführen. Trotzdem besteht das Nachthemd fort, die Linienführung ist allerdings schmaler geworden. Die Frau der 2Oer Jahre trägt noch mehrere Dessous. Die beginnende Befreiung in der Damenkleidung wird zwischen den beiden Weltkriegen durch das Aufkommen des kürzeren Rocks und die Enthüllung der Beine angekündigt.
